„Ich sehe mich nicht als benachteiligt.“

Sebastians Leben sind seine Familie, Motoren und Sport. Seine Einstellung zum Leben ist positiv. Ein schwerer Unfall hat daran nichts geändert.


Wer bist Du und was machst Du?

Ich bin Sebastian, 39 Jahre alt, verheiratet, habe drei Jungs im Alter von 4, 12 und 16 Jahren und arbeite im technischen Vertrieb für Anhängerersatzteile. In meiner Freizeit bin ich am liebsten aktiv unterwegs, mit der Familie auf dem Fahrrad, beim Campen oder auf dem Quad mit meinen Jungs. Und ich „schraube“ gern.

Du trägst eine Armprothese. Was ist passiert?

Ich bin früher Stock-Car-Rennen gefahren. 2016 habe ich mich bei einem Rennen überschlagen. Bei der Landung wurde meine Hand zwischen Überrollbügel und Betonplatte eingequetscht. Ich wusste irgendwie sofort, dass das nicht mehr zu reparieren ist. Ich wurde mit dem Hubschrauber nach Leipzig gebracht. Nach der Operation war ich überrascht, dass meine Hand „wieder dran“ war. Der Chirurg hatte versucht, sie zu erhalten. Die Heilung klappte dann jedoch nicht. Nach drei Tagen wurde noch ein Psychologe einbezogen, aber ich war bereits sehr klar darin, mich für die Amputation zu entscheiden.

Welche Erfahrungen und Eindrücke hast Du aus Deiner Rehabilitationszeit mitgenommen? Wie bist Du mit Rückschlägen umgegangen?

Ich habe die Phase vom Unfall bis zur Amputation nicht so sehr als Rückschlag empfunden, aber für meine Familie war es eine schwierige Zeit.
Meine Reha hatte ich in Bad Klosterlausnitz. In der Klinik habe ich erlebt, was es bedeutet, wenn der Kopf nicht hilft, sich zur eigenen Amputation zu stellen. Ein Mann aus Afghanistan, der durch eine Tretmine beide Beine verloren hatte, lernte innerhalb von drei Wochen, allein auf beiden Prothesen zu stehen und erste Schritte zu gehen. Eine andere Patientin hat es nach sieben Wochen nicht geschafft, mit einer Prothese aus dem Rollstuhl aufzustehen. Es war eine reine Kopfsache.

Wie und wann hast Du die erste Prothesenversorgung erlebt? Wie waren Deine Erwartungen?

Mein Orthopädietechniker hat mich schon im Krankenhaus nach der Operation besucht. Mit seinen Informationen war ich gut vorbereitet. Mit ihm war ich auch menschlich und mental gleich auf einer Ebene.
Zunächst musste ich mich an das Gewicht der Prothese gewöhnen. Die Muskeln im Arm bauen schnell ab, so dass ich die ersten zwei Wochen abends schon kaputt vom Prothesetragen war. Das erste Jahr war wie eine Art „Testjahr“. Man findet heraus, was geht, was geht nicht, was kann die Prothese, was kann ich tun. Meine erste Prothesenhand war eine ilimb quantum. Bis dahin war mir unklar, was ich mit einer Prothese machen kann, und es ging viel mehr, als ich gedacht hatte. Da war ich schon begeistert.

Was erwartest Du von deiner Prothese und wie sieht sie heute aus?

Die Optik ist mir eigentlich egal. Die Prothese muss funktionieren und einiges aushalten, auch der Akku – und zwar den ganzen Tag. Ich lege sie an, wenn ich aufstehe und lege sie ab, wenn ich schlafen gehe. Ich mag einen engen Schaft, das gibt mir mehr Sicherheit. Ich finde es besser, einen festen Druck zu spüren, als das Gefühl zu haben, ich könnte die Prothese verlieren. Seit einem Jahr nutze ich eine Vincent-Hand. Sie ist leichter und robuster. Sie hat kein Spiel, was mir zusammen mit dem Schaft eine bessere Steuerung ermöglicht. Zudem ist sie wasserdicht, so dass ich sie jetzt ohne Handschuhe tragen kann. Das macht den Alltag für mich insgesamt entspannter und einfacher. Für gröbere Arbeiten nutze ich den DMC Elektrogreifer (Anm.: Ottobock). Den tausche ich bei Bedarf gegen meine Vincent-Hand aus, die ich gleichzeitig damit schone. Auch für das Quad- und Fahrradfahren habe ich einen speziellen Adapter (Anm.: Mountainbike Master).

Gibt es etwas, das Du Dir noch wünschst bzw. worauf Du nicht mehr verzichten möchtest?

Ich möchte behaupten, dass ich mit der Prothese plus Greifer und Adapter 95% dessen abdecke, was ich selber tun kann. Damit sehe ich mich nicht als benachteiligt.
Dennoch sind die Bewegungen der natürlichen Hand und des Handgelenks extrem komplex und können mit der Prothese bei Weitem noch nicht so nachgeahmt werden. Da würde ich mir gerade auch in der Ansteuerung des Handgelenks wünschen, dass die Entwicklung weitergeht.

Gab oder gibt es etwas in der Zusammenarbeit mit den an Deiner Versorgung Beteiligten, das von besonderer Bedeutung für Dich ist?

Von Anfang an habe ich von allen Beteiligten, ob in der Klinik, in der Reha und danach, ein großes und ehrliches Interesse wahrgenommen. Ich fand immer ein offenes Ohr und habe überall große Unterstützung erfahren. Mit meinem Orthopädietechniker bin ich ein eingespieltes Team. Er ist ehrlich und kompetent. Er weiß schon genau, was ich brauche und will und kann gut für mich vorfiltern. Ich fühle mich bei ihm wirklich gut aufgehoben.

Welche persönlichen Erfahrungen oder welchen Rat würdest Du anderen Amputierten mit auf den Weg geben?

Wenn man realisiert, dass manche Dinge im Leben nicht zu ändern sind – wie eine Amputation -, muss man anders und bewusster damit umgehen. Das muss der eigene Kopf tun. Das nimmt einem keiner ab.
Wenn ich dann etwas will, steht immer zuerst die Frage „Was kann und muss ICH dafür tun?“ Und wenn das klar ist, nach vorn schauen und mutig an die Sache herangehen. Sich sagen: „Ich kann das!“, „Ich will das!“, „Ich brauch das!“. Und dann testen und probieren.

Was sind Deine nächsten Pläne, Ziele oder Wünsche?

Konkret liegt da gerade nichts Großes an. Mit meinen Söhnen teile ich die Freude am „Schrauben“ und am Quad-Fahren. Seit 2018 sind wir in einer Quad-Gruppe organisiert. Stockcar fahre ich nicht mehr, aber ich organisiere noch Events mit und schaue gern zu.
Meine Familie macht mich sehr glücklich. Ich möchte gesund und fit bleiben und das Leben einfach so genießen, wie es gerade ist!

Lieber Sebastian, vielen Dank!

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