„Ich muss vertrauen können.“
Harri hat sein Leben fast 50 Jahre lang mit einer Hand gemeistert, bevor er sich einer Versorgung erneut gestellt hat. Er trägt jetzt nicht nur eine Prothese – er hat einen Freund gewonnen.
Guten Tag Herr Kirschner, danke für Ihre Zeit! Erzählen Sie uns kurz von sich. Wer sind Sie und was machen Sie?
Ich bin Harri Kirschner und 69 Jahre jung. Ich koche für mein Leben gern, bin am liebsten in der Natur und auch sportlich unterwegs. Dabei verlief mein Leben über die vielen Jahre nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nach außen hin habe ich mich arrangiert, innerlich habe ich damit immer schwer gehadert, nicht perfekt und vollkommen zu sein.
Dass ich angefangen habe, mein Leben anzunehmen und das Beste davon zu nehmen, zu geben und zu genießen, verdanke ich meiner Familie, hier vor allem meiner Frau, die mir als Behinderten seit 45 Jahren selbstlos und einfühlsam zur Seite steht, meinen Enkelkindern – insbesondere meinem Enkel Gustav –, einer schicksalhaften Begegnung und meinem neuen besten Freund, der im wahrsten Sinne des Wortes Teil von mir ist: Vincent.
Das würde uns jetzt aber genauer interessieren …
Von meiner Jugend an liebte ich nichts so sehr wie die See und das Kochen. Es stand fest: Ich konnte nichts Anderes als Schiffskoch werden. Mit 18 Jahren hatte ich dann einen folgenschweren Unfall. Beim Reinigen einer Maschine verlor ich durch einen technischen Fehler der Maschine meine linke Hand. Damit war mein Lebenstraum einfach so geplatzt. Meine Seele hat das nie verwunden. Das bedeutet, ich habe das nie für mich verarbeitet, um für mich und gegenüber meinem Umfeld einen Frieden zu schließen. In meinem Arbeitsleben hatte ich immer Verantwortung für andere und habe das wohl auch gut gemacht. Aber geliebt habe ich es nicht, und meinen Kummer habe ich nach Feierabend mit Alkohol und Medikamenten betäubt.
Was ist dann passiert?
Mein Physiotherapeut hat mir vor einiger Zeit ans Herz gelegt, dass ich mir eine Handprothese anfertigen lassen sollte, da sich die einseitige Belastung und die mangelnde Feinmotorik im linken Arm mittlerweile negativ auf Muskulatur und Körpersymmetrie auswirkt. Ich muss dazu sagen, dass ich nach dem Unfall damals sofort eine Prothese bekommen habe. Damit konnte ich aber nicht viel anfangen. Ich konnte die Hand öffnen und schließen, aber bei den alltäglichen Dingen hat sie mich eher behindert als dass ich sie nutzen konnte. Mein Stumpf schmerzte permanent im Schaft. Es drückte und rieb, bis es blutete. Nach 3 oder 4 Jahren habe ich ganz auf die Prothese verzichtet, und kam mit meinem Stumpf viel besser zurecht. Somit war ich von der Idee einer erneuten Prothese nicht sofort begeistert.
Aber Sie sind die Sache angegangen. Was hat den Ausschlag gegeben?
Ich habe mich über das Fernsehen und die Medien schlau gemacht. Was ich gesehen habe, war erstmal vielversprechend und machte mich neugierig. Dann war ich im Urlaub. Ein junges Mädchen ging an mir vorbei. Sie trug eine Armprothese. Ich nahm meinen Mut zusammen und sprach sie an. Sie war 17 Jahre alt und beantwortete meine vielen Fragen. Das Erlebnis war sehr emotional, und ich sag mal so: Ein Fenster ist für mich aufgegangen!
Gab oder gibt es etwas, das für Sie in der Zusammenarbeit mit den Orthopädietechnikern von besonderer Bedeutung ist?
Nicht nur mit den Orthopädietechnikern. Über anfängliche Umwege bin ich auf Hand-Aktiv in Leipzig und Orthovital gestoßen. Bei meinem ersten Besuch bei Hand-Aktiv war ich schlicht begeistert. Das war Fachkompetenz gebündelt unter einem Dach – Arzt, Ergotherapie, Psychologe. Alles war aufeinander abgestimmt. Orthovital hat sich nahtlos in die Kommunikation und die Versorgung eingefügt. Ich bin ein sehr kommunikativer, sehr offener Mensch und ich muss vertrauen können. Ich habe die Werkstätten besucht und festgestellt: Ich werde hier ernst genommen, man nimmt sich Zeit. Meine Fragen werden beantwortet, für meine Wünsche findet man Lösungen. Fachlich und menschlich habe ich mich nie allein gelassen gefühlt. Das hat mein Vertrauen gewonnen. Der lange Weg hatte sich gelohnt.
Was hat Ihnen die Prothese mehr oder weniger gebracht, als das, was Sie sich vorgestellt hatten?
Drei Dinge sind für mich wichtig: Funktion, Funktion und Funktion! Ich koche gern, also muss meine Hand auch nässetauglich und belastbar sein. Lassen Sie es mich aber so zusammenfassen: Meine Prothese – sie heißt „Vincent“ – ist mein Freund. Mit Vincent kehre ich in die Gesellschaft zurück, ich öffne mich wieder. Und ich muss mich nicht mehr betäuben. Ich bin voller Elan, mache viel und habe noch viel vor. Vincent hat mir ermöglicht, völlig neu am Leben teilzunehmen.
Gibt es etwas an der Versorgung, worauf Sie nicht mehr verzichten möchten?
Ja (lacht). Vincent eben. Den gebe ich nicht mehr her. Ich liebe meinen Vincent!
Welche persönlichen Erfahrungen würden Sie anderen Nutzern von Prothesen mit auf den Weg geben?
Bei denen, die eine ähnliche Vergangenheit haben: Kommt heraus aus dem Mauseloch. Und nutzt die technischen Möglichkeiten. Was ihr einfordern, aber auch mitbringen solltet: Vertrauen, Offenheit und Kommunikation.
Welches sind Ihre nächsten persönlichen Ziele und Wünsche?
Ich lebe bewusster die Verantwortung für mich, meine Gesundheit und meine Familie. Das fühlt sich gut an. Und ich hole jetzt die Schiffsreisen nach, von denen ich immer geträumt habe. Zwar nicht als Schiffskoch, nun eben als Reisender. Zu Hause werde ich zeitlebens ein leidenschaftlicher Koch bleiben, natürlich mit Vincent an meiner „linken Seite“.
Lieber Herr Kirschner, danke für Ihre Offenheit und Ihre Geschichte. Das macht auch uns glücklich und dankbar, wenn wir einen Teil dazu beitragen konnten. Wir wünschen Ihnen alles Glück der Welt in Ihrem „neuen“ Leben!